Rene Heesen

Rene Heesen


Stellvertretender Vorsitzender der Grünen im Kreistag Viersen.

August 2019
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Entweder man geht mit der Zeit, oder unsere Bürger gehen mit der Zeit.

Stadtentwicklung muss insbesondere in suburbanen Räumen neu gedacht werden, damit diese nicht in die gleichen Verdrängungsprozesse starten wie die Metropolen.

Rene HeesenRene Heesen

Im Kreis Viersen bauen wir jedes Jahr ein Wohnraumdefizit von über 500 Wohneinheiten auf. Allein im vierjährigen Betrachtungszeitraum 2016 bis 2020 werden uns also schon 2000 Wohnungen fehlen. Damit steht der Kreis Viersen nach Köln, dem Rhein-Erft-Kreis und dem Kreis Mettmann an vierter Stelle der Problemregionen in NRW. Das hat der aktuelle IW Report „Ist der Wohnungsbau auf dem richtigen Weg“ gezeigt.

Insbesondere im regionalen Vergleich prägt sich das Bild, dass wir nicht zum so genannten „ländlichen Raum“, sondern eher zu einem suburbanen Raum zählen. Im Zentrum der umliegenden Hotspots Düsseldorf, Ruhrgebiet und Venlo sind wir defacto in der Situation, dass wir gleich aus mehreren Metropolen Zustrom erhalten. Der von IT NRW regelmäßig (falsch) prognostizierten Bevölkerungsrückgang wird nicht nur durch veränderte Geburtenraten ausgeglichen, sondern durch Zuzüge überkompensiert.

Der Kampf um Wohnraum nimmt damit dramatische Züge an. Mit der Auswirkung, dass die Stadtgesellschaft in einen Verdrängungsprozess gestartet ist, in welchem in der Regel Jüngere und Normalverdiener das Nachsehen haben.

Daher müssen wir uns vermehrt die Frage nach der Ausrichtung unserer Infrastruktur und unserer Stadtentwicklung stellen. Extrem gefragte Städte wie Kempen, Tönisvorst und Willich können nicht weiter so tun, als ob sie zusammengelegte Dörfer seien und auf dem Status der idyllischen Kleinstadt verweilen. Nur mit einer aktiven Raumplanung können Räte und Verwaltungen die Verdrängung von Einheimischen aus den Stadtzentren verhindern. Elementare Fehler, wie das sture Festhalten an teuren Reihen, Doppel und Einfamilienhäusern sind dabei nicht förderlich, sondern verschärfen die Verdrängung von insbesondere jüngeren und finanziell schwächeren Menschen aus den Städten.

Die benötigte Bebauungsdichte entspricht also nicht dem „Vorstadt-Bautraum“.

Eines der besten Beispiele für diese falsche Sturheit ist das Plangebiet „Kempener Westen“. Hier sollen auf 25 Hektar Fläche gerade mal 40 Wohneinheiten pro Hektar realisiert werden. Macht also in Summe 1000 Wohneinheiten in den 15 Jahren Planungszeitraum. Das dieses Zahlenspiel, selbst bei einem Kreisanteil von nur 10 Prozent (200 Wohneinheiten pro Jahr) nicht aufgeht, ist keine höhere Mathematik. Um allein diesen kleinen Anteil an den Baubedarf decken zu können, wäre eine Bebauungsdichte von 120 Wohneinheiten pro Hektar (also das Dreifache!) notwendig, um den prognostizierten Bedarf decken zu können. Die benötigte Bebauungsdichte entspricht also nicht dem „Vorstadt-Bautraum“. Vielmehr sprechen wir hier von der konsequenten drei- bis vier-geschossigen Bauweise unserer Innenstadt.

Dabei geht es nicht darum, „Brennpunktbezirke“ zu schaffen, sondern eine soziale Durchdringung der unterschiedlichsten Milieus zu erzielen. Dafür muss man aber das alte und verkrustete Bild von Einfamilienhaus gleich „Bürgerlich“ und Geschosswohnungsbau gleich „Sozialfall“ aufgeben. Beispiele für eine hohe Wohnqualität mit 150 Wohneinheiten pro Hektar lieferte die RWTH schon zu Beginn der „Planungsphase 1“ für den Kempener Westen.

Neben den reinen Wohnhäusern braucht ein neues Viertel von Anfang an eine gute Ausgangslage. Nahversorger, Kindertagesstätten und Schulen sind zwar elementar für eine Grundversorgung, bieten aber noch lange nicht die kulturellen und sozialen Funktionen, welche für eine erfolgreiche Stadtteilentwicklung benötigt werden. Daher sollte sich die Stadt Kempen nicht an kleineren und vorherigen Projekten orientieren, sondern Stadtentwicklung neu denken.

Nicht alle Menschen in Kempen haben ein Jahresbrutto von 50000 Euro.

Um den inneren und äußeren Bedarf decken zu können, werden wir mit der Planfläche nicht weiter so umgehen können wie bisher. Nicht alle Menschen in Kempen haben ein Jahresbrutto von 50000 Euro. Viele können sich schon heute keinen Wohnraum mehr leisten. Wir werden eine neue Welle der Suburbanisierung erleben müssen, oder wir verlieren unsere hier lebenden Kinder, was fatale demografische Folgen für unsere Stadtgesellschaft haben kann.

Dafür muss Rat und Verwaltung bereit sein ein wenig von der Kleinstadtidylle aufzugeben und den Schritt in Richtung Urbanisierung wagen. Hier gilt, ein wenig abgewandelt, die alte Unternehmerweisheit: „Entweder man geht mit der Zeit, oder unsere Bürger gehen mit der Zeit.“

Rene Heesen
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